jetzt ist es schon eine woche her, seitdem die letzte unionstagung der progressiven juden in deutschland stattgefunden hat. ich bin noch gar nicht dazu gekommen mir fotos anzugucken, geschweige denn fotos hochzuladen… aber einen kleinen eindruck möchte ich hier doch loswerden. wir geiger-studenten waren ja für den gottesdienst zuständig. unter den deckbegriff “ort” wurde der gottesdienst in abschnitte aufgeteilt und einem oder mehreren studenten zur ausführung gegeben. die jeweiligen leitungen der abschnitte waren positiv unterschiedlich und sehr kreativ. ich glaube auch, daß es der gemeinde gefallen hat und freue mich sehr drüber. es hat spaß gemacht an der gestaltung des gottesdienstes mit zu wirken und neue und alte gesichter auf der tagung anzutreffen. ich freue mich aufs nächste jahr. anbei meine einleitung, die kritischerweise auch als drascha interpretiert wurde zum schma-gebet:
Im folgenden Gebetsabschnitt begegnen wir “Ort” in vielschichtigen Varianten.
Wir finde hier die Welt als Ort: unsere externe, materielle Welt, in der Licht und Dunkelheit sich in scheinbar vorprogrammiertem, regelmäßigen Abstand abwechseln und die interne, abstrakte, spirituelle Welt – eine Welt voller Emotionen, Herausforderungen und dem Wunsch nach einem
einheitlichen, einzigen Herzen, der nicht geteilt und zerstritten, sondern heil und mit voller Kraft einer Aufgabe gewidmet ist.
Das Land Israel taucht auf als Ort, der dem Volk Israel geschenkt wurde und auf dem sich Lohn und Strafe auswirken.
Beim Gedenken der Hilfe, die Gott für frühere Generationen war erinnern wir uns an A?gypten, das Schilfmeer, die Wüste – Orte in denen das Volk Israel in der Vergangenheit erlo?st wurde und wofür wir uns im hier und jetzt bedanken. An das Gedenken an einer vergangenen Erlösung an unterschiedlichen Orten schließt sich die Amida an, mit den Wunsch nach einer jetzigen Erlösung.
Und dann gibt es noch die Variante, die sich über jeglichen Raum und Zeitversta?ndnis stellt.
Unser Glaubensbekenntnis “Schma Israel” und der darauf folgende Abschnitt stellen sich jedoch über jegliches Zeit- und Raumverständniss.
Ja, bei Beschreibung des Gebots zum Lesen des Schma-Gebets erhalten wir relativ ausfu?hrliche Instruktionen über Ort und Zeit: Während des Schlafens und während des Aufstehens, Zu Hause und beim Beschreiten des Weges.
Doch was ist das für ein Weg den wir beschreiten? Ist es etwa der Weg zum Glauben? Ist es die Wirklichkeit auf dem Weg, sei es die historische, natürliche oder gedankliche- die den Menschen zur Schlußfolgerung verleiten soll, zu glauben?
Unser Glaubensbekenntnis signalisiert dazu ein klares „nein“!
Die Entscheidung zu glauben ist weder Ort, noch Zeitgebunden.
Sie basiert nicht auf einer individuellen Analyse von Informationen und Gegebenheiten, sondern ist viel mehr ein bewußter Eingriff im eigenen Wertesystem und die Aufnahme einer Pflicht.
Es gibt somit keinen konkreten „Weg“ zum Glauben. Gäbe es tatsa?chlich einen Weg zum
Glauben – ein Weg basierend auf Erfahrungen im Raum und Zeit – so wu?rde das Glaubensbekenntnis seine Wertigkeit verlieren und wäre dann hypothetisch- nicht kategorisch.
Somit ist das Glauben vielleicht die höchste Ausdrucksform einer freien Entscheidung, denn der Mensch kann glauben und er kann es sein lassen und keine Methodik kann seine Entscheidung lenken.
Nicht desto trotz habe ich bei Beschreibung dieser Variante nur den ersten Abschnitt vom Schma einbezogen. Der aufmerksame Beter wird gemerkt haben, daß sich beim zweiten Abschnitt des Schmagebets sehr wohl ein hypothetisches Glaubenbekenntnis als Option angeboten wird. Warum sollte man Gottes Gebote verfolgen? Damit das Land weiterhin fruchtbar bleibt! Wie lassen sich beide Ansätze, die scheinbar im krassen Gegensatz zueinander stehen, vereinbaren?
tja, obwohl es natürlich eine fülle an kommentaren zu dieser frage gibt, bin ich nicht darauf eingegangen. für´s erste, dachte ich mir, reicht es vielleicht aus die frage im raum stehen zu lassen und die gemeinde wissen zu lassen daß es auch für den beschriebenen gedanken eine alternative gibt…