Zurück aus Bamberg

Von Juval am 27.February 2008 um 21:34 | Kategorien: studium.

War ganz schön substantiell in Bamberg. Und im Vergleich zu den einigen ermüdenden Kursangebote während des Semesters, war das Seminar in Bamberg eine sehr erfrischende, wenn auch anstrengende Erfahrung.

Christlich und Jüdisch gegenübersitzend legten wir Predigttexte aus, diskutierten über eine mögliche “Reformulierung” (!) des Katholizismus und lernten unsere Tradition in den Augen der anderen kennen.

Nicht unerwähnt bleiben soll die es-wäre-zum-lachen-wenn-dies-nicht-tatsächlich-stattgefunden-hätte, bewegende Lesung des Schauspieler-Ensembles des E.T.A.-Hoffmann-Theaters, die Auszüge eines Protokolls über eine Sitzung im Reichs-Luft-Fahrt-Ministerium unter der Leitung von Herrmann Göring vorgetragen haben. Auch die anschließende Podiumsdiskussion mit Charlotte Knobloch , Heinrich Olmer, Rainer Lewandowski und Regisseur Peter Bernhardt waren sehr eingehend.

Wir Geiger-Studenten hatten das Privilieg den Schabbatabend- und Morgengottesdienst zu leiten, was ich sehr genossen habe. Selbstkritisch wie ich bin, nahm ich jedes Kompliment sehr gern entgegen und es freut mich sehr, daß der Gottesdienst gut angenommen ist.

Zwei Predigten gab es von jüdischer Seite. Beide wurden in der Synagoge vorgetragen und später als Diskussionsgrundlage benutzt.

Besonders bei Yaels Predigt fiel mir auf, daß ich nicht nur über die christliche Tradition erfahren habe, sondern daß sich bei mir Prinzipien und Werte bezüglich einer Predigt zum Wochenabschnitt / Drascha rauskristallisierten.

Hier ist Yaels Predigt – vielen Dank für die Veröffentlichungsgenehmigung :-)

Ki Tissa

Draschah zum Wochenabschnitt

Homiletik-Seminar Februar 2008

Dr. Antje Yael Deusel

Unser Wochenabschnitt beginnt mit einer Auflistung von Vorschriften – zur Volkszählung und der damit verbundenen Steuer, und auch zur Ausstattung des Stiftszeltes, zu Salböl und Räucherwerk; sogar die Künstler werden benannt, die zur prachtvollen Gestaltung des ersten, noch mobilen Heiligtums und seiner Gerätschaften beitragen sollen. Und auch das zentrale Gebot, den Schabbat zu beachten, wird genannt: der Herr trägt es dem Mosche auf dem Sinai als Letztes auf, bevor Er ihm die Bundestafeln mit Seinem Gesetz übergibt. Ein Zeichen für den ewigen Bund zwischen Ihm und dem Volk Israel soll der Schabbat sein, ein Zeichen aber auch für Gottes Schöpfungswerk, dessen wir damit auf ewig gedenken, Woche für Woche von Neuem.

Auf diese Textabschnitte folgt nun die zentrale Geschichte unserer Paraschah, nämlich die Ereignisse um das goldene Kalb.

Lange war Mosche auf dem Berg geblieben, hat Gottes Wort und Seine Gebote für Sein Volk entgegengenommen. Und ganz sicher ist ihm die Zeit in Gottes Gegenwart gar nicht lange geworden – im Gegensatz zu seinem Volk, das am Fuß des Berges auf seinen Anführer wartet: „Das Volk sah, dass Mosche lange säumte, vom Berg herabzukommen“, lesen wir in Kap. 32, Vers 1. Den „Mann, der sie aus Ägypten heraufgeführt hat“, so nennen sie Mosche, dem sie bisher teils willig, teils murrend gefolgt sind, und von dem sie nun nicht wissen, was ihm dort oben auf dem Berg zugestoßen sein mag.

Eine interessante Aussage! War es denn Mosche, der sie aus Ägypten befreit hat? War es nicht der Herr selber, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm, wie es heißt? Und warum ist es so schwer für das Volk, zu verstehen, dass Mosche auf dem Berg mit eben diesem Herrn Zwiesprache hält? Haben sie denn alles vergessen, alle Zeichen und Wunder, die Gott, der Herr an ihnen getan hat? So scheint es – denn wie sonst könnten sie auf die Idee kommen, die sie jetzt an Mosches Bruder Aharon herantragen: „Auf, mache uns einen Gott, der vor uns herziehe [im Hebräischen steht hier Elohim, also die Pluralform]. Fast noch erstaunlicher ist die Reaktion Aharons: Er weist nicht etwa entrüstet dieses Ansinnen des Volkes von sich, sondern – er versucht Zeit herauszuschlagen, vermutlich weil er hofft, Mosche werde jeden Moment vom Sinai zurückkommen. Erst sagt er zum Volk, sie sollen ihm ihren Goldschmuck aushändigen für die Verfertigung eines Standbildes – und das Volk tut es, wider Aharons Erwarten. Ein Kalb macht er ihnen daraus, ein „Stierlein“ sozusagen. Das Volk kann sogar zusehen, wie das goldene Standbild entsteht, von Menschenhand gemacht; und doch werden sie hernach dem leblosen Bild zujubeln: „Dies ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägypten geführt hat!“

Und Aharon? Der baut, als er die Begeisterung des Volkes sieht, sogar noch einen Altar vor seinem gegossenen Bild auf. Später wird er sich Mosche gegenüber verteidigen mit der Aussage: „Du kennst ja das Volk, wie es am Bösen hängt“. Und wir erahnen, dass Aharon um sein Leben gefürchtet hat, als das Volk ihn bedrängte, und dass er deshalb ihrem Drängen so rasch nachgegeben hat.

Während Mosche, noch ganz erfüllt von der Gegenwart Gottes, vom Berg herabsteigt, hört er schon von weitem den Lärm aus dem Lager heraufschallen. Joschua, der auf Mosche gewartet hat, kann sich nichts anderes denken, als dass jemand das Lager überfallen haben muß: „Es ist Kriegsgeschrei im Lager.“ Aber Mosche ist sofort klar: Das ist nicht der Lärm eines Überfalls, sondern der einer Orgie. Wir finden hier im hebräischen Text ein Wortspiel, basierend auf dem Wort bet-resch-ajin-he: Dies wird hier gelesen als be-re’o = [das Volk] in seinem Jauchzen; man könnte aber auch lesen (mit den gleichen Konsonanten, aber mit anderer Vokalisierung) be-ra’a = zu ihrem Untergang, was direkt auf den Fortgang der Geschichte Bezug nimmt.

 

Im Unterschied zu Aharon, dem „Mann des Friedens“, der quasi „um des lieben Friedens willen“ dem Volk nachgegeben hat, scheut Mosche die Auseinandersetzung keinen Moment lang. In schier ohnmächtigem Zorn schleudert er die beiden Bundestafeln – und damit Gottes Gebote – dem Volk entgegen, so dass sie zerbrechen. Erbarmungslos geht er gegen die Rädelsführer vor, ohne Ansehen der Person. Dann kehrt er zurück auf den Berg, tritt dem Ewigen gegenüber, und – bittet Gott um Gnade für das Volk. Erst will der Herr darauf nicht eingehen, bietet Mosche sogar an, mit ihm allein weiterzuziehen. Ihm, Mosche, und seinen Nachkommen will Er das Gelobte Land geben. Aber so kompromisslos, wie Mosche dem Volk gegenüber ist, so stellt er sich auch Gott entgegen: Das Volk und er, Mosche, gehören zusammen, im Guten wie im Bösen, und wenn der Herr das Volk austilgen will, dann soll er Mosche gleich mit austilgen. Welch ein Gegensatz zu Aharon, der so sehr auf sein eigenes Wohlergehen bedacht ist, dass er das Volk in sein Unglück rennen lässt, um sich selber zu retten.

 

Mosche ringt mit Gott; er ringt Ihm das Versprechen ab, sich weiter des Volkes anzunehmen, und er findet Gnade in Gottes Augen: Gott erneuert Seinen Bund mit dem Volk, diesem halsstarrigen Volk, das er – trotz allem – zu Seinem Eigentum erwählt hat. Und Er erneuert auch sogleich ein Gebot, das Gebot, das als Oberstes auf den Tafeln stand, das auch auf den neuen Tafeln an erster Stelle stehen wird: Ich bin der Herr, dein Gott – kein Bild sollst du dir machen, keinen Götzen sollst du dienen.

 

Hier, in diesem Gebot, liegt der Kernpunkt der Geschichte vom goldenen Kalb. Vermutlich wollten die Israeliten keinen Apis-Stier haben, keinen ägyptischen Götzen aus dem Land, aus dem sie eben erst in die Freiheit entflohen waren. Sie wollten das Bild eines Gottes, ihres Gottes, zum Ansehen und Anfassen – denn darum beneideten sie ihre ehemaligen Unterdrücker; verehrten die Ägypter doch Götter, deren Bild man sehen, vor deren Bild man opfern konnte. Das, was Mosche ihnen erzählte, vom Einzigen, Allmächtigen, den man nur an Seinen Taten und Wundern erkennen konnte, aber von dem es kein Bild gab, der Geist war, aber niemals gegenständlich – das verstanden sicherlich die meisten von ihnen nicht. Nicht einmal einen Namen hatte dieser Gott – Eheje ascher eheje, so hatte Er sich Mosche gegenüber genannt – Ich Werde Sein, Der Ich Sein Werde. Das war dem einfachen Volk zu hoch: Ein Standbild sollte her, zu dem man seine Wünsche und Anliegen, aber auch seine Dankbarkeit für den Ewigen bringen konnte. Von diesem Standbild, einem „Postfach“ sozusagen für den Herrn, bis zum Götzendienst ist es aber nur ein winziger Schritt, wie auch das Volk in seiner rauschhaften Feier um das goldene Kalb erfahren musste, mit allen schlimmen Konsequenzen.

 

Sie sind zu Tode erschrocken über die Reaktion von Mosche, ihrem Anführer, der die Reaktion Gottes wiedergibt. Das haben sie nicht gewollt. Sie wollten doch nur ein bisschen besser verstehen, was das Wesen Gottes ist. Ein Standbild ist dafür ungeeignet, das wissen sie jetzt.

 

Mosche hat wohl sehr gut verstanden, was in den Köpfen der Israeliten vorging. Vielleicht war ihm diese Frage nach dem Wesen Gottes auch selber gar nicht so abwegig und fremd. Schließlich wagt er etwas Unerhörtes: Er bittet den Ewigen, ihn Seine Herrlichkeit schauen zu lassen. Das ist einem sterblichen Menschen nicht möglich, niemand kann Gottes Angesicht sehen und am Leben bleiben.

 

Aber auch der Ewige versteht – und ermöglicht Mosche, mehr über Ihn zu erfahren. Die Schlosch-esre Midot, die „dreizehn Eigenschaften Gottes“, die wir alle kennen, werden hier genannt (Schemot 34, 6-7). Gott tut sie dem Mosche kund, während Er – ungesehen – an ihm vorüberzieht. Mosche ist es erlaubt, dem Ewigen nach-zuschauen: Ein Symbol dafür, dass wir Gott nicht von Angesicht sehen können, wie Er ist, sondern Ihn in Seinen Taten, Seinen Handlungen erkennen können.

 

Der Ewige selbst ist für uns Menschen un-faßbar, un-begreifbar, un-sichtbar. Das ist auch heute noch so; und auch heute, wie zu allen Zeiten, tun wir uns schwer mit der Vorstellung von einem Gott, dem Gott, unserem Gott, den wir nicht sehen, ja, nicht einmal mit allen unseren modernen wissenschaftlichen Methoden erkennen oder auch nur ansatzweise Seine Existenz nachweisen können. Heißt das deswegen, wie die Atheisten sagen, dass es Gott gar nicht gibt? Daß Gottesdienst Zeitverschwendung ist? Wie kann es sein, dass aufgeklärte, moderne Menschen an ein Höheres Wesen glauben, das sie nicht sehen, geschweige denn begreifen können? Wie viel einfacher ist es doch, sich einen „Ersatz“ zu schaffen anstelle eines un-sichtbaren, un-faßbaren Gottes! Etwas Materielles, woran man sich halten kann und was dem Leben einen Sinn verleihen soll – zum Beispiel ein gut gefülltes Bankkonto, ein elegantes Haus, ein schickes Auto, eine imposante Karriere – oder vielleicht, wenn’s ein bisschen „spiritueller“ sein soll, eine schöne Buddha-Statue für’s Wohnzimmer, als Symbol für die fernöstlichen Weisheitslehren, die manchen so anziehend erscheinen? All das sind, im tatsächlichen oder im übertragenen Sinn, nichts anderes als Götzen, die uns vom Einen, Einzigen Gott wegführen.

 

Auch heute gilt, unverändert: Wir können Gott nicht von Angesicht sehen, solange wir leben. Wohl aber können wir, wie Mosche, Seine „Rückseite“ sehen, Seine Spuren erkennen, wenn wir mit offenen Augen durchs Leben gehen, nämlich Gott erkennen in Seinen Taten, Seinem Handeln.

 

 

 

Schabbat schalom!

Trotz der schönen Gedanken und der wunderbaren Formulierung fand ich es störend, daß dieser kleine Abschnitt zwischen dem der Kalbssünde und dem Dialog von Moses und Gott in der Predigt weggelassen wurde. Zumindest habe ich doch tatsächlich während des Vortrages diesen Part nicht gehört. Der Part in dem Moses mal eben im Namen Gottes 3,000 Menschen umbringen lässt, einfach so. Und ich weiß daß es dazu viele Kommentare und Überlegungen gibt und dennoch störte mich die Abwesenheit (Auch wenn es hier und da zarte Andeutungen gibt) dieses Abschnitts der Geschichte in Yaels Predigt aus einem einzigen Grund: Ich fand es einfach nicht richtig der – meistens unwissenden – Gemeinde, eine nicht vollständige Geschichte zu vermitteln, in der Sachen ausgelassen werden um der Idee der Predigerin mehr Unterstützung zu geben.

Wäre der Mord von 3,000 Menschen als Resultat der Kalbssünde in der Predigt erwähnt worden, wäre die Idee des Gottes der “dazulernt” und sich dann doch vor Moses als eine Art “Bild” zeigt, eher unüberzeugend.

Das hat mich immens gestört. Und offenbar war ich alleine mit dieser Meinung. Naja, und dann noch die Tatsache, daß das Gold, mit dem die Israeliten das Kalb machen, von Gott stammt. Gott ist derjenige der das Volk bauftragt sich von den Ägyptern das Gold zu holen. Vielleicht ist Gott selber mit einem gewissen Maß mitverantwortlich für den Kalb.

Ich selber war verblüfft mit welcher Überzeugung ich meine Meinung verteidigt habe, wie ich plötzlich gemerkt habe wie wichtig es mir erscheint, der Gemeinde ein komplettes Bild einer Geschichte zu vermitteln.

Als es um die christliche Lesung ging und Texte hervorkamen, die ein eher düsteres Jesusbild aufzeichnen, schlug ich vor genau die selbe Technik auszuführen – nämlich die Geschichte “abzurunden” und die Stellen die “weh tun” einfach weg zu lassen. Hier widerum schienen meine Kollegen der Ansicht zu sein, daß es wichtig ist den ganzen Abschnitt zu lesen.

Es waren sehr formende Erfahrungen, in denen ich für mich herausgefunden habe, worauf es mir beim Predigen ankommt.

Beim nächsten Mal hoffe ich dann selber predigen zu können und dann können alle meine Predigt auseinandernehmen :-) Ich wäre sehr gespannt auf die Vertiefung des Konzepts der “Reformulierung” des Katholizismus, der bisher das Judentum als eine Verheißungsreligion erkennt, auf die das Christentum aufbaut. Eine Reformulierung würde dazu führen daß sich beide Religionen auf Augenhöhe treffen könnten und daß z.B. nicht mehr von “Rettung” der Juden in den Karfreitag-Fürbitten die Rede wäre.

Nach 1900 Jahren katholischer unkritischer Identitätsbildung, die mehr oder weniger auf die oben erwähnte Beziehung zum jüdischen Volk fundiert ist, ist das Ziel einer Reformulierung eine große Herausforderung. Allein daß es so mutige und reflektive Menschen gibt, die diesen Vorschlag nachgehen gibt Hoffnung auf ein besseres Miteinander beider Religionen.

Ich freue mich auf das nächste Seminar!

Ein Kommentar zu “Zurück aus Bamberg”

  1. begegnungen « 5767 sagt:

    [...] von 4 tagen seminar. ich bin mir fast sicher, dass von juval auch noch eine rückschau folgt [inzwischen hier veröffentlicht] und somit euer bild abrunden [...]

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