Post Tu-Bischwat-Stress

Von Juval am 04.February 2008 um 18:30 | Kategorien: Allgemein, Feiertage, studium.

Es bahnt sich momentan – wie die Headline schon sagt – ziemlich viel Stress bei mir an, so daß ich kaum dazu komme den Blog hier mit neuen Einträgen zu füllen. Hier also meine obligatorischer “Stress-Beitrag” und eine komprimierte Version meiner Tu-Bischwat Rede:

Halachisch gesehen, hat das Fest weder mit den Früchten des Baumes noch mit dem Pflanzen des Baumes zu tun.

Das Neujahresfest der Bäume hat vordergründig zunächst nur mit der Festlegung des Punktes zu tun, an dem der Baum reif ist Früchte zu erzeugen und nicht mit den Früchten selbst.

Und dennoch sitzen wir hier, an unserem Seder TuBischwat und feiern mit den Früchten, die ökologisch gesehen, noch gar nicht gereift haben können.

Wie das Fest der Bäume sich zum Fest der Früchte entwickelt hat lässt sich vielleicht anhand des Textes von Rabbi Nachman aus Breslau (1772 – 1810) erklären.

In seinem Buch ?????? ????”? schreibt er:

„Wisse dass jeder Hirte seine eigene, besondere Melodie hat, anhand der Gräser und des Ortes, an dem er verweilt, denn jedes Vieh hat eine besondere Grassorte die es essen muss … und anhand der Gräser und des Ortes, so hat der Hirte eine Melodie.

“Und durch die Melodie gibt der Hirte den Gräsern Kraft zu wachsen, und das Vieh hat zu essen.”

Das Lied, die Melodie – im hebräischen “???” – sorgt hier für die Verkettung einzelner Elemente. Es erzeugt eine Verbindung der Dinge zu ihrem Ursprung, zu ihrer Wurzel. Die Verbindung gibt dem Gras die Kraft zum Wachsen. Es gibt ihm eine Bedeutung.

Es ist die Aufgabe des Menschens durch die Melodie den Sachen eine Bedeutung zu geben und sie mit ihrem Ursprung zu verketten. So ist es auch im Paradies. Dort soll der erste Mensch nichts anderes machen, als von den Früchten der Bäume zu essen. Von der Perspektive des ersten Menschens, macht er nichts anderes als den Früchten einen Inhalt zu geben. Durch seine Verbindung mit dem Obst, macht er klar daß sie zum Genuss geschaffen wurden. Nur zwei Bäume bleiben dem Menschen verweigert, denn woran würde sich der Mensch von Gott unterscheiden, wenn er alles und jedem eine Bedeutung und eine Kraft geben kann?

Für Rabbi Nachman ist es die Melodie, die dafür sorgt, daß der Mensch die Bedeutung in den einzelnen Elementen findet. Doch die Melodie ist mehr:

“Die Melodie ist auch gut für den Hirten selbst! Denn weil sich der Hirte stets zwischen seinem Vieh sich aufhält, könnte das Vieh den Geist des Menschens runterbringen, bis dass der Hirte sich selbst führen muss und nicht sein Vieh”

Das Vieh dient hier natürlich als Metapher für all die Dinge die uns im Leben, im Alltag beschäftigen, mit denen wir uns verbinden und mit denen wir uns dann langsam aber sicher identifizieren. Es ist die Melodie, die uns die Kraft gibt, den Überblick zu behalten, fokussiert zu bleiben und nicht in Ablenkungen und nebensächlichen Tätigkeiten unter zu gehen.

Daß heißt, die Melodie schafft nicht nur die Verbindung der Elemente um uns herum zu ihren Wurzeln sondern schafft auch die Verbindung in uns. Sie lässt uns klar erkennen wo unser Ursprung liegt: Und Gott bildete den Menschen, Staub von dem Erdboden, und hauchte in seine Nase den Odem des Lebens (1BM, 2:7), während der Ursprung des Viehs “Die Erde bringe hervor lebendige Wesen nach ihrer Art (1BM 1:24)”

Die Melodie gibt dem Vieh Kraft und sie gibt uns Kraft, denn sie erinnert uns woher wir kommen. Jeder von uns hat seinen Ursprung, sein Wurzel. Denn wo immer wir uns auch aufhalten – es gibt an jedem Ort das besondere Gras, daß singt und uns eine Melodie verfassen lässt, nach unserem ganz besonderen Takt, die uns unsere Wurzel nicht vergessen lässt und die unserer Umgebung Kraft gibt.

Zurück zu TuBischwat:

Das Fest handelt ursprünglich von dem Punkt, ab dem der Baum reif genug ist um Früchte zu erzeugen. Es beginnt ein Reifeprozess an dessen Ende es Früchte gibt. Die Frucht ist das Ergebnis. Unser Leben lang bemühen wir uns den Prozess mit dem Ziel zu verbinden. Den Anfangspunkt mit dem Endpunkt. Der Weg wird oft als völlig überflüssig aufgefasst. Die Herausforderung ist es dem Weg die Wertigkeit des Zieles zu geben.

Auch wenn wir das Gefühl haben unser Weg führt uns manchmal nirgendwo hin, sind es unsere Wurzeln, die uns daran erinnern, daß es eigentlich keinen solchen Ort gibt.

An Tu-Bischwat erstellen wir eine Verbindung zwischen dem Reifeprozess, der gerade erst begonnen hat, und dem Ergebnis und geben somit jedem Moment im Prozess eine Bedeutung. Weil wir einen Ursprung haben, haben wir auch einen Prozess. Dieser Prozess ist die Melodie.

Die Melodie, die der Hirte singt und den Gräsern und dem Vieh Kraft gibt und ihm gleichzeitig vom Vieh und vom Gras abhebt und ihn besonders macht, und weil er besonders ist, hat er die Kraft den Elementen einen Inhalt zu geben.

Sag mal was: