Was macht eigentlich ein Kantor?

Von Juval am 24.October 2007 um 18:17 | Kategorien: kantor, studium.

Tja- verständlicherweise ist die Berufsbezeichnung “Kantor”-vor allem jüdischer Kantor- für manche etwas völlig unkonkretes. Ich werde versuchen anhand von einzelnen Beiträgen diesen Beruf aus meiner Sicht der Leserschaft etwas näher zu bringen.

Der Kantor wird von der (jüdischen) Gemeinde beauftragt den Gottesdienst zu leiten. In den letzten 200 Jahren stieg der Beruf des Kantors zur Kunstform auf und so bildeten sich Kantoren, die mit ihrer Stimme und Ausdruckskraft den Gottesdienst zu einer emotionalen Erfahrung machen.

Die jüdische Liturgie an sich ist erstreckt sich über mehrere Genres und lässt sich nicht auf ein Typ “jüdischer” Musik festlegen.

Sich mit den einzelnen Strömungen (Sehr grob unterteilt in sephardische und aschkenasische Liturgie) hier zu beschäftigen würde ein wenig den Rahmen sprengen, wer sich jedoch dafür interessiert dem sei z.B. die Seite von Jascha Nemtsov zu empfehlen.

Während meiner Ausbildung komme ich in Berührung mit den unterschiedlichen musikalischen Richtungen: die festkomponierten Melodien aus dem aufgeklärten Westen Europas und die überlieferten Motiven, den sogenannten “Nussach” aus Osteuropa, und neue zeitgenössische Kompositionen aus den Staaten.

Um einen Eindruck von den unterschiedlichen Erscheinungsbildern von Kanoren und Kantorinnen zu bekommen, ist ein Besuch in eins der vielen Synagogen in Berlin empfehlenswert.

Bisher hatte ich die Ehre in Erfurt, Hannover, Mönchengladbach, Berlin, Aachen, Wuppertal und Köln Erfahrungen in Leitung der Gottesdienste in jüdischen Gemeinden zu sammeln

Wenn es die Muse erlaubt, werde ich in Zukunft auch davon berichten.

Eine gute Restwoche noch

Juval

2 Kommentare zu “Was macht eigentlich ein Kantor?”

  1. Yoav Sapir sagt:

    “Der Kantor wird von der (jüdischen) Gemeinde beauftragt den Gottesdienst zu leiten.”
    - Jeder ganz normale Vorbeter hat denselben Auftrag

    “In den letzten 200 Jahren stieg der Beruf des Kantors zur Kunstform auf”
    - In den letzten 200 Jahren gibt es im “Westen” immer weniger Juden, die gut genug Hebräisch können, um gelegentlich als Vorbeter zu fungieren. Also braucht man “Berufsvorbeter” und das sind nun die Kantoren. Die angenehme Stimme etc. gehört, wenn überhaupt, erst in zweiter Reihe dazu.

    “und so bildeten sich Kantoren, die mit ihrer Stimme und Ausdruckskraft den Gottesdienst zu einer emotionalen Erfahrung machen.”
    - Mich dünkt, jeder Jude kann den Gottesdienst (auch) emotional erfahren, ob mit oder ohne Kantor.
    Fazit:

    1. Der Kantor ist, historisch betrachtet, ein notwendiges Übel (weil es heutzutage so viele gibt, die kaum Hebräisch können). Besonders schlimm ist es, wenn der Einsatz des Kantors die Gemeinde daran gewöhnt, sich immer wieder auf einen “Berufsvorbeter” zu verlassen.

    2. Manche Kantoren haben eine richtig schöne Stimme und können den Gottesdienst u. U. “upgraden”. Aber das ist höchstens eine Verzierung, die mit dem eigentlichen Gottesdienst nichts zu tun hat.

  2. Juval sagt:

    Hallo Yoav,
    es spricht ja nichts dagegen dass Kantor und Vorbeter ein paar Gemeinsamkeiten haben, oder?

    Angelehnt an Deine Argumentation finde ich es gerade wichtig den Juden mit wenig Wissen, ob aus dem Osten oder dem Westen, etwas zu geben, was sie an dem Gottesdienst bindet und da ist die Musikalität im Gottesdienst ein wichtiges Mittel, was natürlich jedem auf unterschiedlicher Art anspricht.

    Ich denke keineswegs dass der Kantor ein notwendiges Übel ist. Der historische Aspekt den Du erwähnst ist mir bekannt, gleichzeitig gab es aber auch ein Verlangen nach einer wohlklingenden Stimme, die würdevoll die Gemeinde durch den Gottesdienst leitet.

    Ich denke auch nicht dass der Gesang und die Musik nichts mit dem Gottesdienst zu tun haben. Im alten- wie im neuen Israel wurde aus religiösen Anlässen gesungen, gespielt und sogar getanzt (z.B. das “Schilflied”, die Psalmen und der Gesang der Leviten im Tempel. Auch Instrumente sind aufgezählt.

    Natürlich sollte der Schöngesang nicht von der Andacht ablenken, da sind wir uns vielleicht einer Meinung. Die Musik, ob Nussach, oder eine Komposition sollte die Bedeutung vom Text unterstützen und nicht umgekehrt.

    Und ein noch so schöner Gesang macht jedes Gebet wertlos, wenn es ohne die nötige Authentizität und Kawanah ausgesprochen wird.

Sag mal was: